Nerys..............ein dramatisch-romantischer Fantasy Roman

Die Legende von Nerys

 

 

Von meinen Gefährten wurde ich dazu auserwählt, die Geschichte von Neryszu erzählen, einer Parallelwelt, in der die Zeit sehr viel langsamer vergeht als in der Welt der Menschen. So scheinen wir unsterblich zu sein, was wir jedoch nicht sind.

Die Menschen nennen uns seit jeher das alte Volk und dies ist das letzte Kapitel einer Jahrtausende alten Kultur, die auf tragische Weise mit dem Schicksal der Menschen verknüpft ist; denn es steht geschrieben, dass keine unserer Welten ohne die jeweils andere existieren kann und so sind unsere Lebenspfade eng und untrennbar bis ans Ende der Zeit miteinander verflochten;

Seit vielen Jahrtausenden leben wir unerkannt unter den Menschen, um über sie zu wachen und sie vor der alles vernichtenden Dunkelheit zu bewahren, denn vom Anbeginn der Zeit war unser Volk dazu bestimmt, das Gleichgewicht der Welten zu erhalten, es zu schützen und zu bewahren.

Für diese Aufgabe wählten unsere Schöpfer die Weisen unter unseren

Gelehrten und die Mutigen unter unseren Kriegern.

Sie wurden die Bewahrer uralter Weisheiten und die Hüter des Lichtes von Nerys.

Unsere Schöpfer gaben ihnen geheimnisvolle Kräfte sowie das Wissen und die Macht sie einzusetzen. So wurde das Wissen um die Magie unseres Volkes von Generation zu Generation an die Hüter des Lichtes weitergegeben.

Im Jahrtausende dauernden Kampf gegen das all gegenwärtige Böse, gegen die dunkle Seite der Magie, verloren wir unzählige unserer Gefährten und so kam eine Zeit, da gab es nur noch wenige von ihnen. Ihre Aufgabe, die Welten zu schützen wurde beinahe unerfüllbar, denn es gab den Einen, der nach mehr Macht strebte und sich der dunklen Seite der Magie zuwandte: Kjaertan, Fürst der Finsternis, aus Feuer und Eis geboren.

Er verwendete all seine bösen Kräfte dazu, Nerys für immer in tiefste Dunkelheit zu stürzen.

Als er unsere Heimat schon fast vernichtet hatte, riefen die letzten noch übrigen Wächter in ihrer Verzweiflung unsere Götter um Hilfe an und es gelang unseren Ahnen, in einer grausamen Schlacht, in welcher wir viele unserer tapferen Krieger verloren, den endgültigen Sieg des Bösen aufzuhalten.

Vernichten konnten sie Kjaertan jedoch nicht. Zu groß war zu diesem Zeitpunkt bereits seine Macht. Sie verbannten Kjaertan aus Nerys.

Doch bevor er unsere Welt verließ, schwor er bei allen Mächten der Finsternis, zurückzukehren, Nerys und seine Fürsten zu vernichten und bis ans Ende der Zeit in Düsternis zu stürzen.

Im Laufe der Jahrtausende gelang es Kjaertan in unsere Welt zurückzukehren und durch seine immer größer werdende Macht, mehr und mehr von Nerys in seine Gewalt zu bringen und zu unterwerfen. Dort wo einst fruchtbare Felder und Wälder waren, vertrocknete der Boden; endloses Ödland breitete sich immer weiter aus und ließ unser Völker verhungern.

Der Fürst erschuf eine Armee unvorstellbarer Grausamkeit aus denen unseres Volkes, die er gefangen nahm und aus jenen von Grund auf bösen Menschen, welche er aus eurer Welt verschleppte.

Er verwandelte sie in schreckliche Kreaturen, die sich vom Fleisch und Blut ihrer Opfer nährten und jeden, der sich ihnen in den Weg stellte, jagten, um ihn zu einer Kreatur ihrer eigenen Art zu machen, indem sie ihn mit ihrem grauenvollen Gift infizierten.

Diese Wesen waren das fleischgewordene Böse und kaum mehr aufzuhalten auf ihrem Weg. Sie brachten unendliches Leid in unsere Welt und in die Welt der Menschen.

Bis zum heutigen Tage stellen sich Kjaertan und seinen Kreaturen diejenigen von uns entgegen, die bereit sind, für den Erhalt und den Frieden der Welten zu kämpfen. Doch je mehr Zeit verrinnt im Kampf gegen die Kreaturen der Finsternis, umso schwächer werden wir und mit jeder Schlacht verlieren wir mehr unserer tapferen Krieger.

Der Tag, an dem wir nicht mehr kämpfen können und Kjaertan seinen letzten großen Sieg über unsere Welten erlangt, ist nicht mehr fern, doch wir geben unsere Hoffnung auf Frieden nicht auf, denn es gibt eine Prophezeiung aus längst vergangenen Zeiten:

„…..eines Tages wird ein Kind geboren, das die stärksten Mächte zweier Welten in sich vereint und das den Frieden und das Licht zurück nach Nerys und in die Erdenwelt bringen wird …“.

 

 

 

 

 

 Kapitel 1 ..........Fragen über Fragen

 

Die zuckenden Blaulichter der Streifenwagen des NYPD und der Einsatzfahrzeuge des FBI warfen ein gespenstisches Licht auf die Szene, die sich in der stillen Seitenstraße unweit des Naturkundemuseums abspielte, während die Spurensicherung die Halogenlampen aufbaute um den Fundort auszuleuchten.

FBI-Unit Chief Mike Donovan bremste den SUV vor der Absperrung aus gelbem Flatterband ab und warf seiner Beifahrerin, Special Agent Lilith MacCall, einen Seitenblick zu.

»Bist du ok? «

Lilith griff nach hinten und zog ihre Jacke vom Rücksitz. Ebenso wie Mike, der einen Smoking anhatte, trug Lilith Abendgarderobe. Sie trug ein enges schwarzes Kleid, das ihre Figur perfekt zur Geltung brachte, High Heels und einen dazu passenden kurzen Blazer, den sie sich jetzt überzog.

»Nützt es was, wenn ich nein sage? «, sie zuckte mit den Schultern, und öffnete die Beifahrertür, wobei sie versuchte ruhig zu bleiben. Sie wurden vom Rest ihres Teams, den Special Agents Vito Antonelli und John Stevens, bereits erwartet. Als ihr Fuß den Asphalt berührte, stieß John seinem Partner Vito mit dem Ellbogen so heftig in die Seite, dass dieser nach Luft schnappte.

»Alter, guck dir die Stilettos an. Es ist mir ein Rätsel, wie Frauen auf solchen Absätzen laufen können.“

„Anscheinend waren unsere Turteltäubchen mal wieder unterwegs. «

Antonelli fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und grinste genüsslich. » Wenn du mich fragst, hat Mike verdammtes Glück! «

Lilith und Mike verließen den Wagen und gingen auf John und Vito zu.

»Was haben wir? «, Mike sah Vito an, während er die Dienstmarke an den Hosenbund klemmte.

Mike war schon in normaler Dienstkleidung eine imposante Erscheinung, doch in seinem Smoking sah er ehrfurchtgebietend aus. John grinste still in sich hinein: die Beiden gaben wirklich ein hübsches Paar ab.

»Nichts wirklich Neues«, brummte Vito, mit Blick auf die vorherigen Tatorte, »männlich, weiß, zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. Das Opfer muss sofort tot gewesen sein. Dieser Dreckskerl hat ihn buchstäblich in Stücke gerissen«.

John drehte sich um und blickte zum Fundort der Leiche hinüber.

»Und wir haben wahrscheinlich wieder keine brauchbaren Hinweise auf den Täter. Verdammt, Mike, das ist der sechste Tote in drei Monaten. «

Mike, den sonst so gut wie nichts aus der Ruhe bringen konnte, brummte gereizt in seinen Dreitagebart: »Das weiß ich John, ich kann mir aber keine Hinweise aus den Rippen schneiden. Also los lasst uns nachsehen, ob Bakerman schon was Brauchbares für uns hat. «

An  seiner Schläfe pulsierte eine Ader. Ein untrügliches Zeichen für seine Gereiztheit. Seit drei Monaten kam das Team um SSA Mike Donovan weder zur Ruhe noch in den Ermittlungen einen Schritt weiter.

Liliths Absätze erzeugten ein Stakkato artiges Geräusch auf dem Straßenbelag. Ein Geräusch, das mit ihrem Puls einen beunruhigenden Rhythmus bildete und ihrer Nervosität Ausdruck verlieh. Bis jetzt gelang es ihr jedoch immer noch, nach außen einen ruhigen Eindruck zu vermitteln.

Dr. Joseph Bakerman, der zuständige Rechtsmediziner, strahlte Lilith an.

»Special Agent MacCall, was für ein Vergnügen sie wieder zu sehen. Nur hätte ich mir die Umstände erfreulicher gewünscht«.

Vito musste sein Lachen unterdrücken und verschluckte sich dabei beinahe an seiner Spucke. Selbst Mike entlockte der stets überkorrekte und etwas altmodische Bakerman ein leichtes Grinsen, während Lilith es tatsächlich schaffte, ein todernstes Gesicht zu machen.

»Können Sie uns schon etwas sagen, Bakerman? «, Mike sah den Mediziner an und  versuchte dabei seine Gesichtsmuskeln wieder unter Kontrolle zu bringen.

Bakerman räusperte sich und wiederholte das, was Antonelli bereits vor wenigen Minuten gesagt hatte. Dann fügte er hinzu: »Aber vielleicht habe ich doch etwas Neues für sie, Special Agent Donovan«

»Und das wäre was genau? «, Mike zog eine Augenbraue in die Höhe. Er hasste es wie die Pest, wenn Informationen scheibchenweise weitergegeben wurden.

»Kommen Sie. Sehen sie sich das an. Fällt Ihnen irgendetwas auf? «

Mike stöhnte gereizt auf, was John ein leichtes Grinsen in die Mundwinkel trieb. Er kannte seinen Boss lange genug, um zu wissen, dass dieser kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren.

Lilith trat einen Schritt näher und beugte sich über die sterblichen Überreste von Opfer Nummer sechs. Sie konnte den alten Bakerman ausgesprochen gut leiden und versuchte jetzt, die Situation zu entschärfen.

»Ich glaube, ich weiß, was Bakerman meint, Mike«, obwohl sie mit Mike sprach, sie sah zu dem grauhaarigen Mann auf, der sie schon in so vielen Fällen unterstützt hatte, und lächelte leicht.

»Hier, hier und hier«, sie deutete auf  tiefe Schnittwunden mit scharfen Wundrändern  auf dem Torso des Toten.

»Ein Messer? «, Vito sah Bakerman fragend an.

»Nein, kein Messer. Ich denke, es ist etwas anderes«.

Plötzlich hörte Lilith Bakermans Stimme in ihren Gedanken »ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich ihnen jetzt aber sage, dass ich es für Klauen oder Kralleneinschnitte halte, erklären sie mich für verrückt«

Sie sah ihn überrascht an.

Lilith hatte in der Vergangenheit immer wieder die Gedanken ihrer Mitmenschen hören können, eine besondere Fähigkeit, die sie schon als Kind hatte und im Laufe der Jahre hatte sie sich daran gewöhnt, doch jetzt war sie irritiert, denn bisher beschränkte sich dieses Gedankenhören auf reine Notsituationen und kam nur sehr selten vor.

»Ich glaube, was Dr. Bakerman uns sagen will, ist Folgendes: Es könnte sich auch um einen speziell geformten Dolch oder etwas Ähnliches handeln. Nicht einfach nur ein Messer«

Das mit den Krallen verschwieg sie vorerst. Der alte Bakerman nickte glücklich, das war eine Erklärung, die sogar Agent Donovan zufriedenstellen musste. Lilith richtete sich langsam auf.

»Diese außergewöhnlichen Schnitte treten bei diesem Leichnam zum ersten Mal auf. Zumindest sind sie mir bei den anderen Opfern vorher nicht aufgefallen«, dachte sie laut.

»Sie haben recht, Agent MacCall«, Bakerman nickte ihr zu, »bei den vorangegangenen Opfern waren solche oder ähnliche Spuren auch nicht vorhanden«.

Dafür fehlen hier jegliche Fußabdrücke es gibt weder welche die zum Tatort hinführen, noch welche die davon wegführen und bei dieser Menge Blut hätten welche da sein müssen, dachte Lilith irritiert.

Mike sah sich den Leichnam an: »Soll das heißen, wir haben einen Nachahmungstäter? «

Bakerman schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin mir sogar sicher, dass es sich um ein und denselben Täter handelt. Die Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Morden sind einfach zu gravierend, als das es mehrere Täter sein könnten. Aber Genaueres kann ich erst nach der Autopsie sagen. «

„Können sie uns was über den Todeszeitpunkt sagen, Bakerman?“, Mike sah ihn an.

„Vorläufig?“

„Von mir aus“, brummte Mike bis aufs äußerste gereizt.

„Also schön. Der Tod trat schätzungsweise zwischen 20.00 Uhr und 22.00 Uhr ein. Aber auch das….“

„Nach der Autopsie, ja ich weiß“, Mike nickte ihm zu: »Okay Dr. Bakerman, sagen sie Bescheid, wenn sie was Neues für uns haben.

 

Seit knapp drei Monaten erschütterte eine Mordserie, die mit außergewöhnlicher Brutalität ausgeführt wurde, die Stadt. Dem Ermittlerteam der FBI-Sondereinheit um Unit Chief Mike Donovan war klar, dass sie es mit einem Serientäter zu tun hatten, der grade anfing, sich weiterzuentwickeln. Allerdings fehlte bisher eine brauchbare Spur, die sie zum Täter hätte führen können. An jedem der, inzwischen, sechs Tatorte gab es mehr als genug Spuren, doch erwies es sich als äußerst schwierig ein geeignetes Täterprofil zu erstellen, denn die Fußspuren waren jedes Mal zu verwischt und die DNA unbrauchbar, weil sie mit irgendwelchen Verunreinigungen behaftet war. Den bisher einzigen brauchbaren Hinweis lieferten die Schnittverletzungen an Opfer Nummer Sechs.

Sechs verschiedene, über die ganze Stadt verteilte Tatorte. Sechs Opfer, die offensichtlich nichts gemeinsam hatten. Doch in einem Punkt waren alle Taten gleich: Sie wurden mit unvorstellbarer Grausamkeit ausgeführt!

 

Als Mike den Autopsie Bericht von Dr. Bakerman auf seinem Schreibtisch liegen hatte, rief er sein Team zusammen. Er gab ihnen eine paar Minuten um den Bericht zu lesen, dann warf er einen Blick in die Runde.

»Ich bin ganz Ohr«, Mike sah entnervt aus.

»Bist du sicher, das Bakerman nicht an seinen Chemikalien geschnüffelt hat, Boss? Er schreibt hier, und ich zitiere: ... deuten die, an Opfer Nummer Sechs, gefundenen Abdrücke der Schnittwunden eindeutig auf Klauen oder Krallen hin ...«, John sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.

Mike räusperte sich: »Du hast noch was vergessen John! «

»Du meinst das mit dem: ... außerdem finden sich an zahlreichen Wundrändern Bissspuren, die weder menschlich sind, noch lassen sie sich bekannten, in New York heimischen Tieren zuordnen«, mischte sich Vito ein, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

Lilith warf einen Blick in die Runde: »Ich finde diese ganze Sache nicht witzig. Da draußen läuft ein Irrer rum, der seine Opfer regelrecht abschlachtet. Und alles was wir bisher haben, sind nicht zu verwendende Fußabdrücke, undefinierbare DNA und etwas, dass, um es mal mit Bakermans Worten zu sagen, Tierklauen sein könnten. «

Vito brummte: »Ja und alle Tatorte sehen in etwa gleich aus, bis auf den Letzten, da kommen Bakermans Krallen plötzlich ins Spiel. «

»Das heißt dann, wir haben es doch mit mehreren Tätern zu tun? «, John sah Mike fragend an.

Mike schüttelte den Kopf: »Ich bin sämtliche Autopsie Befunde noch mal durchgegangen und stimme mit Bakerman überein, dass es sich nur um einen Täter handelt«.

»Und wie erklärst du dann Folgendes: Opfer zwei und drei wurden fast zur selben Zeit ermordet, aber am jeweils gegenüberliegenden Ende der Stadt«, Lilith sah Mike an.

»Lilith hat Recht. Die Zeitspanne ist einfach zu kurz, um einmal die komplette Stadt zu durchqueren, sich das nächste Opfer zu suchen, es zu ermorden, zu zerstückeln und unbemerkt wieder zu verschwinden. « Vito griff nach seinem Kaffeebecher.

Mike lehnte sich zurück und fuhr sich mit den Händen durch die kurzen blonden Haare: »Womit ich so gar nichts anfangen kann, sind die DNA Spuren. Was, bitte, muss ich mir unter weder menschlicher noch tierischer DNA vorstellen? Heißt das, es ist eine Mischung aus beidem? «

Lilith blätterte schon seit geraumer Zeit in den Tatortfotos, denn ihr war etwas eingefallen. Schließlich fischte sie einige heraus und verteilte sie auf der Pinnwand.

»Fällt euch irgendetwas auf? «

Mikes Braue schoss in die Höhe: »Was genau meinst du? «

John grinste.

Lilith nahm einen roten Edding vom Tisch und malte Kreise auf die Fotos »Das und das und ... das! «, Sie tippte mit dem Stift auf das letzte Foto.

»Herrgott nochmal, Lilith, warum sagst du uns nicht einfach, was du Wichtiges entdeckt hast? «, Mike war kurz davor zu explodieren.

»Bissspuren ... auf allen Fotos. Wir haben sie bisher nur übersehen! «, Sie lehnte sich zufrieden zurück, während sich die drei Männer vor der Pinnwand versammelten, um die Fotos zu betrachten. Doch so zufrieden, wie sie aussah, war Lilith nicht. Ganz im Gegenteil. Seit diese Morde begonnen hatten, wurde sie von Albträumen geplagt.

Äußerlich ruhig und gelassen wie immer wurde Lilith zunehmend nervöser. Sie schaffte es kaum noch, länger als fünf Minuten still zu sitzen. Da Nervosität bei Lilith auf die Blase schlug, rannte sie alle paar Minuten auf die Toilette, während sich ihr Kaffeekonsum verdreifachte, was Mike mit einer hochgezogenen Augenbraue quittierte.

Ihre besonderen Gaben, die sie seit ihrer Kindheit wie einen Fluch mit sich herumschleppte hatten ihr die Arbeit bisher immer erleichtert, ihre Fähigkeiten in die Gefühlswelt ihrer Mitmenschen einzudringen, ihre Gedanken zu hören, eine außergewöhnliche schnelle Auffassungsgabe und ein ausgeprägter Geruchssinn. Doch jetzt fragte sie sich, ob es um ihre geistige Gesundheit doch schlechter bestellt war, als sie dachte. Sie hatte von Hirntumoren gehört, die solche Wahnvorstellungen auslösen konnten.

Machte ihr Job, die Verantwortung, die sie trug, doch mehr zu schaffen, als sie wahrhaben wollte? Oder sollten sich ihre übersinnlichen Fähigkeiten, ihre besonderen Gaben, so langsam negativ auf ihre Psyche auswirken?

Hatte es das Team möglicherweise tatsächlich mit einem Kannibalen zu tun?

Ähnliche Fälle gab es in der Kriminalgeschichte zu Genüge.

Lilith dachte an Jeffrey L. Dahmer, der in den Achtziger Jahren mehr als siebzehn junge Männer ermordet, zerstückelt und mit größter Wahrscheinlichkeit auch zum Teil verzehrt hatte. Als man ihn schließlich überführt hatte, fanden sich nicht nur blanke Knochen in Fässern mit Salzsäure, sondern auch menschliche, zum Verzehr vorbereitete Überreste in Kühlschrank und Tiefkühltruhe.

Nicht nur die amerikanische Kriminalgeschichte kannte Serienmörder mit merkwürdigen Vorlieben.

Stand ihnen etwas in dieser Art bevor?

So oder so, sie mussten diesem Mistkerl das Handwerk legen, denn ihr Bedarf an bestialischen Morden war bereits mehr als gedeckt.

Es waren allerdings nicht nur die Morde, die der Sondereinheit um SSA Mike Donovan Kopfzerbrechen bereiteten, es gingen auch immer mehr Vermisstenmeldungen bei ihnen ein. Menschen, die in ihrem Umfeld für ihre Zuverlässigkeit bekannt waren, verschwanden spurlos. Doch so intensiv in den Mordfällen und Vermisstenfällen auch ermittelt wurde, es gab merkwürdigerweise kaum brauchbare Hinweise auf den, oder die, Täter, über Hintergründe oder mögliche Motive. Und die Hinweise, die sie fanden und mit denen sie arbeiten konnten waren mehr als bizarr. Doch in einem waren sich alle einig: Beides hing zusammen.

 

Da sich die meisten Morde in New York ereignet hatten, war die Polizei im gesamten Stadtgebiet in erhöhter Alarmbereitschaft. Aus einem unerfindlichen Grund gab ausgerechnet in der Millionen Metropole eine Häufung dieser bestialischen Morde.

In der Presse machten inzwischen Namen wie Jack the Ripper, Ted Bundy, vom Green River Killer Gary Ridgway oder Jeffrey L. Dahmer, die Runde. Jedes Mal wenn Lilith einen Blick in eine der herumliegenden Zeitungen warf, waren die Spekulationen schlimmer geworden.

Inzwischen war eine leichte Hysterie zu spüren.

Nach den Abendveranstaltungen der Theater und Kinos, vor den Bars und Nachtclubs kam zunehmend mehr private Security zum Einsatz, um ein höchstmögliches Maß an Sicherheit zu gewährleisten.

Doch das Aufgebot an Staatsmacht und Security Teams schien den unsichtbaren Jäger nicht sonderlich zu beeindrucken; er machte munter weiter und suchte sich bereits sein nächstes Appetithäppchen, wie John Stevens es mit dem ihm eigenen Humor ausdrückte.

Das kalte Büffet war für diesen bestialischen Mörder noch längst nicht geschlossen. Ganz im Gegenteil: Er fing grade erst richtig an.

Brutale und äußerst blutige Überfälle und Morde waren an der Tagesordnung in einer Stadt mit mehr als acht Millionen Einwohnern aus allen nur erdenklichen Kulturkreisen und Gesellschaftsschichten der Welt. Nun aber sprengten die Ereignisse alles Vorstellbare.

Sie waren an Gangkämpfe und Racheakte der Mafia gewöhnt, doch das hier war etwas anderes. Etwas viel Schlimmeres und die Zeit brannte unter  ihren Nägeln.

Ihre Ermittlungen liefen auf Hochtouren, um endlich einen Hinweis auf das Monster zu bekommen, welches sein Unwesen in ihrer Stadt trieb, aber sie fanden nichts, was sie weiter gebracht hätte und was es ihnen erleichtert hätte, ein brauchbares Täterprofil zu erstellen.

Als am siebten und damit nächsten Tatort ein abgebissener menschlicher Arm in einer gelblichen, leicht sauer riechenden Substanz, die entfernt an Aspik erinnerte, gefunden wurde, konnten sie nur mit Mühe verhindern, dass das in die Presse kam.